Ulfs Blog

17.6.2017, 18:30

Lohnerhöhungen und die IG BCE

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Die HAZ hatte am Mittwoch ein Feature auf Seite zwei und drei über den Boom in Deutschland. Dazu gleich mehr. Natürlich muss alles nach ausgewogener Berichterstattung aussehen, weshalb auch Gewerkschafter zu Wort kommen. Die IG BCE als neoliberalste der großen deutschen Gewerkschaften – um nicht von der größten gelben Gewerkschaft zu schreiben – bot sich dabei natürlich an:

Selten stiegen die Reallöhne so stark, also die Gehälter minus Inflationsrate. Jüngst kamen Delegierte der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Rheinland-Pfalz zusammen und zogen im Schatten der BASF eine bemerkenswerte Bilanz. Seit dem Jahr 2005, verriet der Leiter des IG-BCE-Landesbezirks, Francesco Grioli, habe man in der Chemie Lohnerhöhungen um 35,6 Prozent durchgesetzt – dies sei ein Reallohnzuwachs von stolzen 18,2 Prozent.

– HAZ 14.6.2017, Seite 3, Der Boom verändert Deutschland

Die erste Aussage, dass die Reallöhne selten so stark gestiegen wären, kommt dabei vom Autor der HAZ. Auch dazu weiter unten mehr. Auch die falsche Erklärung des Reallohns als Gehälter minus Inflationsrate anstatt inflationsbereinigte Lohnsteigerung, kommt von der HAZ. Wobei dies offensichtlich auch bei der IG BCE nicht verstanden wird – siehe weiter unten.

Reallohnentwicklung in der Chemieindustrie

Zunächst geht es um die Aussage, dass seit 2005 die Löhne nominal 35,6% und real um »stolze« 18,2% gestiegen sein. Auf der Seite der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung findet sich ein Archiv der Tarifabschlüsse, darunter auch für die deutsche Chemieindustrie. Damit können wir uns die Lohnentwicklung im Bereich der IG BCE anschauen. Einmalzahlungen und mögliche zeitliche Verschiebungen der Lohnerhöhungen habe ich ignoriert.

Tariflohnentwicklung in der chemischen Industrie (Nominallöhne) Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, OSZE, eigene Berechnungen 2000 2005 2010 2015 1998 2017 +40,3% +29,1% +56,9% +25,3% +18,0% +32,7% Zielinflation 1,9% Ende 1997=100Inflation Ende 1997=100Nominallohn Ende 1997=100Zielinflation 1,9% Ende 2004=100Inflation Ende 2004=100Nominallohn Ende 2004=100

Bis heute komme ich danach nur auf 32,7%. Die postulierten 35,7% sind es nur dann, wenn man die geplante Erhöhung am 1.9.2017 um 2,3% mit einbezieht. Für die Reallohnentwicklung brauchen wir noch die Preissteigerung (Inflation). Daten bis 2016 gibt es bei der OSZE. Daraus ergibt sich eine Reallohnentwicklung von Ende 2004 bis Ende 2016 von 12,5% (von Ende 1997 sind es 21,5%).

Falsche Berechnung der Reallohnänderung

Wie kommt dann Grioli auf 18,2%? Vermutlich hat er seine 35,6% genommen und dann die bisherige Inflation (mit evtl. etwas anderen Zahlen) genommen (und dabei die Inflation in 2017 vergessen) und dann – gemäß Vorgabe Reallohn gleich Nominallohn minus Inflation – die Differenz genommen. Das ist aber mathematisch falsch!

Einen Reallohn an sich gibt es nicht, weil es ja auch keinen Preis an sich gibt. Es gibt nur Preisveränderungen und sich daraus ergebende Kaufkraftveränderungen der Löhne. Beispiel: Jemand verdient 1000€ pro Woche (es geht nur ums Prinzip) im Jahr 2005. Damals kostete ein Pfund Butter 1,00€ (es geht nur ums Prinzip). 2017 verdient er nominal 32,7% mehr, also jetzt 1327€. Aber die Preise sind um 18,0% gestiegen, d. h. das Pfund Butter kostet heute 1,18€. Nach der von Grioli und der HAZ verwendeten Berechnung würde er real 14,7% (eben 32,7% minus 18,0%) mehr verdienen. Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall, denn statt 1000 Pfund Butter im Jahr 2005 kann er sich von seinem Lohn heute 1124,5… (nämlich 1357€ durch 1,18€) Pfund leisten. Und das bedeutet eben, dass sein Lohn real um 12,5% gestiegen ist.

Wie kommt es dann zu der falschen Definition und deren Anwendung? Nimmt man die Lohnänderung l und die Inflationsänderung i dann erhält man die Reallohnänderung r durch folgende Gleichung:

1+r=1+l1+i

Durch Umstellen erhält man:

r =1+l1+i-1 =1+l-1-i1+i =l-i1+i l-i, falls 0i1

Für kleine Änderungen – wie es sie typischerweise bei Betrachtung einzelner Jahre gibt – kann diese Vereinfachung als Näherung verwendet werden. Beispiel: 4% Lohnerhöhung bei 2% Inflation sind eigentlich real 1,96…% = 2,0%. Aber für größere Werte, wie sie im gewählten Beispiel über 12 Jahre auftreten, ist diese Vereinfachung schlicht falsch.

Reallohn im Vergleich zur Produktivität

Nun ist es aber so, dass die Zielinflationsrate von knapp unter 2,0% (also 1,9%) selten erreicht wurde. Dies liegt natürlich auch an der allgemeinen Lohnentwicklung in Deutschland, da die Löhne ein wichtiger Grund (nicht der einzige) für die Preisentwicklung sind. Eine Gewerkschaft müsste sich also eigentlich an der Zielinflation orientieren.

Wie stolz kann die IG BCE nun also auf ihre Tarifabschlüsse sein? Laut OSZE lag das Produktivitätswachstum zwischen Anfang 2005 und Ende 2016 bei 11,0% (zwischen Anfang 1998 und Ende 2016 bei 23,6%). Da in Deutschland im betrachteten Zeitraum die Anzahl der Teilzeitstellen stark gestiegen ist, nehmen wir die Produktivität pro Arbeitsstunde. Für eine ausgeglichene Lohnentwicklung muss der Reallohn entsprechend der Produktivität steigen.

Tariflohnentwicklung in der chemischen Industrie (Reallöhne) Quelle: Hans-Böckler-Stiftung, OSZE, eigene Berechnungen 2000 2005 2010 2015 1998 2017 +23,6% +21,5% +11,0% +12,4% Produktivität Ende 1997=100Reallohn Ende 1997=100Produktivität Ende 2004=100Reallohn Ende 2004=100

Dass die Reallöhne seit 2005 in der Chemieindustrie etwas mehr gestiegen sind als die Gesamtproduktivität der deutschen Wirtschaft liegt also nur an der schwachen Inflation. Man sieht auch, dass die Löhne jahrelang zu niedrig waren und erst 2016 wieder das Verhältnis zur Produktivität von 2005 erreicht haben. Nimmt man das Jahr 1998 als Ausgangswert, zeigt sich ein weiter bestehender Aufholbedarf bei den Löhnen in der chemischen Industrie.

Allgemeine Reallohnsteigerung

Die HAZ schreibt, dass die Reallöhne selten wie nie gestiegen seien und bezieht sich erstmal nicht auf die Chemieindustrie. Das Statistische Bundesamt (Destatis) (via Maskenfall) hat eine Statistik mit den nominalen Gehaltssteigerungen (Tabelle 2.15) seit 1971. Zusammen mit den Inflationsraten von der OSZE ergeben sich die Reallohnsteigerungen wie folgt:

Reallohnänderung in Deutschland 1971 bis 2016 Quelle: Statistisches Bundesamt 2016, OSZE, eigene Berechnungen 1971: +6,0% 1972: +3,8% 1973: +4,5% 1974: +3,9% 1975: +0,9% 1976: +3,5% 1977: +2,7% 1978: +2,5% 1979: +1,5% 1980: +1,1% 1981: -1,6% 1982: -1,2% 1983: -0,2% 1984: +0,5% 1985: +0,3% 1986: +3,3% 1987: +2,6% 1988: +1,2% 1989: -0,2% 1990: +1,9% 1991: +1,8% 1992: +4,9% 1993: -0,4% 1994: +0,2% 1995: +1,8% 1996: -0,4% 1997: -1,2% 1999: +0,5% 2001: -0,1% 2002: -0,1% 2003: +0,5% 2004: -1,5% 2005: -1,3% 2006: -0,6% 2007: -1,4% 2008: -0,5% 2009: -0,1% 2010: +1,5% 2011: +0,9% 2012: +0,5% 2013: +0,3% 2014: +1,9% 2015: +2,2% 2016: +1,8% 1970 1980 1990 2000 2010

Richtig ist, dass es seit der Wiedervereinigung bis 2010 keine nennenswerten Reallohnsteigerungen mehr gegeben hat. Das die jetzt erreichte Höhe aber selten oder besonders viel sei, kann man angesichts der Zeitreihe seit 1971 wohl nicht behaupten. Es ist dies ja nicht mal eine Normalisierung, weil die Reallöhne vor 2010 mehrere Jahre lang gesunken sind. Und da haben wir vom Produktivitätswachstum noch gar nicht gesprochen. Es müsste noch einige Jahre so wie zuletzt weiter gehen, um die Versäumnisse der Vergangenheit wieder gutzumachen. Aber der Artikel soll ja gerade erreichen, dass die Leser meinen, es gehe uns so gut, dass wir auch wieder auf Lohnerhöhungen verzichten könnten.

Boom in Deutschland

So kurz vor der nächsten Bundestagswahl haben alle regierungsnah Publizierenden ein großes Interesse, die wirtschaftliche Lage in den schönsten Farben zu malen. Davon ist auch die HAZ nicht ausgenommen. Es gebe ein Boom in Deutschland. Für gewöhnlich wird damit das Wirtschaftswachstum gemeint. Das Statistisches Bundesamt (Destatis) hat das Wachstum des Bruttoinlandprodukts seit 1951 erfasst:

Wirtschaftswachstum in Deutschland 1951 bis 2017 Quelle: Statistisches Bundesamt 2017, eigene Berechnungen, Prognose für 2017: Webseite der Tagesschau 13.2.17 1951: +9,7% 1952: +9,3% 1953: +8,9% 1954: +7,8% 1955: +12,1% 1956: +7,7% 1957: +6,1% 1958: +4,5% 1959: +7,9% 1960: +8,6% 1961: +4,6% 1962: +4,7% 1963: +2,8% 1964: +6,7% 1965: +5,4% 1966: +2,8% 1967: -0,3% 1968: +5,5% 1969: +7,5% 1970: +5,0% 1971: +3,1% 1972: +4,3% 1973: +4,8% 1974: +0,9% 1975: -0,9% 1976: +4,9% 1977: +3,3% 1978: +3,0% 1979: +4,2% 1980: +1,4% 1981: +0,5% 1982: -0,4% 1983: +1,6% 1984: +2,8% 1985: +2,3% 1986: +2,3% 1987: +1,4% 1988: +3,7% 1989: +3,9% 1990: +5,3% 1991: +5,1% 1992: +1,9% 1993: -1,0% 1994: +2,5% 1995: +1,7% 1996: +0,8% 1997: +1,8% 1998: +2,0% 1999: +2,0% 2000: +3,0% 2001: +1,7% 2003: -0,7% 2004: +1,2% 2005: +0,7% 2006: +3,7% 2007: +3,3% 2008: +1,1% 2009: -5,6% 2010: +4,1% 2011: +3,7% 2012: +0,5% 2013: +0,5% 2014: +1,6% 2015: +1,7% 2016: +1,9% 2017: +1,6% 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 6,9% 5,0% 3,4% 3,0% 1,9% 2,0% 2,0%

Der Durchschnittswert der letzten Jahre liegt bei 2,0% und damit so hoch wie die vergangenen Nichtrezensionsphasen seit der Wiedervereinigung. Deutlich über dem Durchschnitt lagen in der letzten Zeit nur die Jahre 2006 (+3,7%) und 2007 (+3,3%), sowie die Jahre 2010 (4,1%) und 2011 (3,7%). Diese Wachstumsraten sind schon nicht sehr hoch, wenn man den historischen Vergleich der Nachkriegszeit und den weltweiten Vergleich mit China heranzieht. Aber die Jahre 2016 (+1,9%) und 2017 (voraussichtlich +1,6%) liegen noch darunter und der Trend zeigt auch nicht nach oben.

Fazit: Den Wirtschaftsboom gibt es derzeit nicht bei uns. Er wird von der HAZ herbeigeredet behauptet. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Ein Herbeireden ist es nun auch nicht gerade, weil der Artikel ja keinen Aufschwung erzeugen kann. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass die Lage schön geredet werden muss, damit sich die politischen Verhältnisse im Bundestag nach der Wahl nicht ändern.